Ansprache zur Ausstellungseröffnung
durch
Alfons Zimmer - 16.06.2016

Powerpoint (Klick F5 nach Öffnung)

 
Inhalt

  Rede
  Evakuierung des Strafgefängnisses
  Reuland überlebt Genickschuss
  Zwölf Tote bei Angriff auf Evakuierungszug
  Die Frage
  Politische
  Fiktiver Film: Luftkrieg über dem Gefängnis
  Quellen?
  Bis vor drei Jahren nichts gewusst
  Hinter drei Personen drei Großgruppen von Verfolgten
  Kommunist Werner Eggerath
  Pfarrer Josef Reuland
  Pierre Belen und die NN-Gefangenen
  Aktionen mit transportablen Stellwänden
  Ehren in Bochum
  Woanders sehr geehrt
  Décida brusquement de raconter sa guerre
  Autos mit gelben und roten Nummernschildern
  Die Haftgründe
  Beispiele von Politischen in Bochum
  Die Wege der Gefangenen…
  Besondere Quelle: Sterbebücher des Standesamtes Mitte
  Hinrichtungen
  Hatte das Gefängnispersonal einen Entscheidungsspielraum?
  Erinnerung muss weiter gehen

Rede - Oben

Vielen Dank, Frau Dr. Wölk, für Ihre freundliche Begrüßung und für Ihre erste inhaltsreiche Hinführung zum Thema! Ich versuche „etwas Fleisch“ an Ihre grundsätzlichen Erwägungen zu bringen

Evakuierung des Strafgefängnisses - Oben

Am 29. März des letzten Jahres 2015 bin ich bei strömendem Regen einen Weg gegangen, besser: einen Weg nachgegangen, innerlich sehr bewegt. Vom Gefängnis Krümmede, um den Blumenfriedhof, Harpener Straße, Buselohbrücke, Buselohstraße, Richtung Wittener Straße. 70 Jahre vorher gingen diesen Weg bei der Evakuierung des Gefängnisses vor herannahender Front drei Kolonnen von zusammen 520 Inhaftierten. Einige von ihnen kannte ich durch die Recherchen. Ihre Portraits sind in der Ausstellung zu sehen.

Reuland überlebt Genickschuss - Oben

Dabei war auch Pfarrer Josef Reuland aus meiner Trierer Heimat (Bild 1, Mitte). Verurteilt vom Berliner Volksgerichtshof, war er schon drei Jahre inhaftiert und krank. Er konnte dem Marsch nicht folgen. Man hat ihm einen Genickschuss versetzt und ihm in einem Bombentrichter in der Nähe der heutigen Straße „Auf dem Krahnefuß“ liegen lassen. Das Unwahrscheinliche trat ein. Anders als sein Mitbruder Kaplan Hubertus Mol aus Holland, der im Außenkommando der Krümmede, nämlich der Henrichshütte Hattingen, durch Genickschuss zu Tode kam, Stolperstein Welperstraße, - überlebte Reuland!!

Zwölf Tote bei Angriff auf Evakuierungszug - Oben

Wenige Tage vorher, nämlich am 26.3.45 gab es schon einen ersten Evakuierungsversuch. Der scheiterte tragisch. Dokumentiert ist dies in den Aufzeichnungen von Reuland und auch denen des Kommunisten Werner Eggerath (Bild 1 linke Person). Der Evakuierungszug wurde am Nordbahnhof von den Sprengboben der Alliierten getroffen. Es gab 12 Tote, alles Gefangene der Krümmede, darunter der Franzose Jacque Lecomte, weitere 8 Franzosen, 2 Belgier, ein Tscheche. Die Krümmede meldet die Toten nicht mehr beim Standesamt Mitte, sie hatten die Pforte verlassen, gehörten nicht mehr zum Bestand. Zu finden sind sie allesamt trotzdem. Und zwar in den Beerdigungsbüchern des Freigrafendamm (Bild 3). Jacques Lecomte ist zusätzlich im eisernen Gedenkbuch des Freigrafendamms am Feld 19a (Bild 4) verzeichnet. Dort sind auch viele weitere Inhaftierte der besetzten Weststaaten bestattet, soweit sie im Gefängnis verstorben sind Die meisten Opfer des Angriffs auf den Evakuierungszug wurden in den 50ger Jahren exhumiert und in ihre Heimatländer überführt.

Die Frage - Oben

tut sich auf: Was machen zu Kriegszeiten im Bochumer Strafgefängnis Franzosen und Belgier. Warum trifft man dort Priester und Kommunisten?

Sehr geehrte Frau Dr. Wölk und Herr Dr. Pätzold, liebes Team Stadtarchiv, zunächst danke ich Ihnen, dass ich diese Fragen öffentlich stellen kann. Und dass ich durch Ausstellung und Vortrag öffentlich Geschichten erzählen kann. Es sind Geschichten, die hier in Bochum bisher kaum erzählt wurden.

Politische - Oben

Es sind Geschichten von Gefangenen, die nicht aus kriminellen Gründen in den Strafgefängnissen des Reiches einsaßen, in der Krümmede und auch im Gerichtsgefängnis ABC-Straße. Es sind Geschichten von „den Politischen“. So wurden sie manchmal von den Bediensteten genannt. So nannten sie sich manchmal selber. Und so wurden sie auch von denen genannt, die sich an sie erinnerten und erinnern, auf Gedenktafeln oder Totenzetteln: prisonniers politiques.

Danke dem Team des Stadtarchives, das Sie durch die Ausstellung das Thema benennen, das Thema anerkennen und den Gefangenen, den verstorbenen und überlebenden Politischen, an einem Schicksalsort ihres Lebens die zustehende Ehre spät, nicht zu spät zukommen lassen!

Fiktiver Film: Luftkrieg über dem Gefängnis - Oben

Liebe Damen und Herren, wenn ich zum Thema der Politischen im damaligen Strafgefängnis Bochum einen Film machen dürfte, dann würde ich mit einer Nacht im Bombenkrieg am 13. Juni 1943 beginnen. Einstiegsszene: Großes Chaos und Gerenne. Sirenen heuen. Einschläge von Sprengbomben. Wachleute überprüfen die Türen. Verschließen und verriegeln doppelt. Rennen, kriechen zum Teil auf allen Vieren die Treppen hinunter ins unterste Geschoss. Ein Summen und Dröhnen. Zahlreiche Flugzeuge der Briten. Leuchtspuren der Flakabwehr. Brandbomben regnen herab auf die Stadt, auf die benachbarten Stahlwerke, auch auf das Gefängnis. Deutsche Befehle. Französische Rufe überall. In einer Zelle stehen drei mit Zehenspitzen auf einem Tisch. Sie schauen aus dem Fenster und verfolgen das Kriegsgeschehen. Die Schreinerei im Hof brennt, die Holzvorräte brennen, die Flammen züngeln hoch bis zum Gefängnisdach. Brandbombentreffer auf dem Dach. Löschversuche. Bedientete werfen mit Schaufeln Brandbomben auf den Hof. Einige Türen sind durch die Detonationen aufgesprungen. Ein Wachtmeister hält mit einem Karabinergewehr Flüchtende in Schach. Später wird er dafür einen Orden bekommen. In einer Zelle kniet ein Priester und betet laut den 23. Psalm: Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil. Es gibt Tote, Lungenriss, zwei verlieren ihr Augenlicht, zahlreiche Verletzte.

Quellen? - Oben

Das ist, liebe Damen und Herren, nicht ausgedacht. Man kann es genauestens nachlesen in Erinnerungen, die Überlebende, Deutsche, Belgier, Franzosen, aufgeschrieben haben. Diese Erinnerungen findet man noch mancherorts, wo die Überlebenden später gelebt haben, in Brüssel, in Lüttich, in Trier, woanders. In Bochum fand ich solche Erinnerungen von überlebenden Inhaftierten nicht. Einiges erfuhr ich jedoch noch mündlich von pensionierten Bediensteten, die wiederum Geschichten gehörte hatten von Wachtmeistern der Kriegsjahre. Schließlich beruht die fiktive Filmszene noch auf einer weiteren Quelle, nämlich auf den Sterbebüchern des Standesamtes Mitte, aufbewahrt hier im Stadtarchiv. Dort sind am 13.6.1943 zumindest 6 Namen verzeichnet, 4 Belgier, ein Niederländer, ein Franzose, die infolge „Feindeinwirkung“ verstorben sind. In einer schriftlichen Quelle ist an dem Tage von 15 Toten Beneluxgefangenen die Rede. Es mögen weitere aus den Außenlagern gewesen sein oder solche, die noch kurzfristig in die Krankenhäuser der Stadt eingeliefert wurden und dann nicht mehr von Krümmede 3 gemeldet wurden (siehe Bilder 6+7, Einmannbunker in der Anstalt und Bild 8, Totenschein Julien Sanders, + 13.6.43 um 1.30 Uhr Körperquetschung/Feindeinwirkung).

Bis vor drei Jahren nichts gewusst - Oben

Seit 24 Jahren arbeite ich als katholischer Pastoralreferent in den beiden Bochumer Vollzugsanstalten. Dieses Erinnerungsprojekt führe ich jedoch nicht in dienstlicher, sondern in privater Initiative durch.. Dennoch kann dabei nicht ganz außer acht bleiben, dass ich schon so lange Jahre in die Anstalt hineingehe, die heutige JVA, das damalige Strafgefängnis. Es ist noch immer die gleiche Adresse: Krümmede 3. Es sind die gleichen Flügel, die gleichen Abteilungen, die gleichen Zellen, ja die gleichen Zellennummern größtenteils, wie sie etwa in Aufzeichnungen von vor allem belgischen damaligen Gefangenen zu finden sind. 21 Jahre von meinen 24 Dienstjahren habe ich von der Sache, um die es heute geht, das Schicksal der Politischen, nichts gewusst, schlicht und ergreifend gar nichts. Als ich dann von ersten Recherchen erzählte, gab es auch kaum Reaktionen, wenig Resonanz. Unter denen die mir doch bald etwas halfen, waren einmal der VVN, Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Herr Dominik. Sie konnten zwar keine Namen nennen von Poltischen, die sicher in der Krümmede gewesen waren, aber sie halfen etwa bei der Aktion Gefängnisgang (siehe Bild 9) zum 70. Gedenken des Kriegsendes. Und es war Herr Clemens Kreuzer, der ins Landesarchiv Münster fuhr und zwar keine Gefangenenakten fand, wohl aber Prozessakten vom Prozess 1949 gegen den Täter, der Josef Reuland den Kopfschuss versetzte und wegen Mordversuches und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 6 Jahren Haft verurteilt wurde. Kreuzer war es auch, der schnell sagte: Das Strafgefängnis Bochum ist ein bisher „nicht erkannter Schicksalsort“. Damit stand für mich fest, dass ich hier weitersuchen musste. Und es war gleichzeitig das spätere Motto gefunden für unsere Ausstellung, eben „Schicksalsort Gefängnis“.

Hinter drei Personen drei Großgruppen von Verfolgten - Oben

(Bild Dreiercollage, Nr. 10) Sie sehen noch einmal das Bild mit den drei Politischen hinter einem Original Gefängnisgitter der Kriegsjahre. Hinter diesen drei Einzelschicksalen stehen drei Großgruppen von Verfolgten. Die Sache begann für mich bei einem Kaffeetrinken vor drei Jahren. Mein damaliger ehemaliger evangelischer Kollege aus der JVA Münster erzählte mir von seinen Recherchen über den Strafvollzug im Zuchthaus Münster in der NS-Zeit. Nach schweren Bombenangriffen 1944 seien auch einige Gefangene nach Bochum verlegt worden.

Kommunist Werner Eggerath - Oben

Darunter der Kommunist Werner Eggerath, auf der Collage links (und auf Bild 11). 10 Jahre von seiner 15-jährigen Strafe für Vorbereitung zum Hochverrat hat er abgesessen und überlebt. Im April 1945 geht er – befreit durch die Amerikaner – zu Fuß unter den grünenden Kastanienbäumen über die Krümmede Richtung Bahnhof. Eine Woche wird er bei Frau und Kind in Wuppertal sein und sich dann sofort wieder in die politische Arbeit stürzen. Auf seinem Ausstellungsportrait habe ich eine Briefmarke mit seinem Gesicht angebracht (siehe Bild 12). Er ist nämlich der Vorgänger von Bodo Ramelow, der nach dem Krieg erste frei gewählte Regierungspräsident, sprich Ministerpräsident von Thüringen. Seine Erinnerungen hat im Buch „Nur ein Mensch“ (1.Auflage 1947/ siehe Bild 13) veröffentlicht mit vielen Details über seine damalige Haft. Z.B. über das, was es 1945 morgens zu essen gab: 1 Schnitte Brot und einen halben Liter dünnen Kaffee, wie alles voller Wanzen, Läuse und Flöhe war, wie sie bewacht wurden bei Bombenräumkommandos in der Stadt, wie er im Güterbahnhof bei einem Bombenangriff zwischen den Waggons in die Luft geschleudert wurde, wie sie dort eine tote Kuh ausschlachteten, wie bei der ersten Blindgängerentschärfung seines Freundes Karl Rosteck dieser getötet wurde (Stolperstein Bochum Nähe Springerplatz) und wie bei dessen 650. Blindgängerentschärfung sein Freund Willi Kubier ums Leben kam usw. Eggerath macht in seinen Erinnerungen eine für unser Thema sehr interessante Bemerkung. In Münster wurde er vom Aufsichtspersonal bei der Ankunft wie alle Neuen routinemäßig gefragt: „Vorbereitung zum Hochverrat?“ „Ja!“ „Politisch?“ „Jawohl, Herr Wachtmeister.“ „Na ja“, war dessen Antwort, „die Dummen werden nicht alle; aber mit ihnen werden wir auch fertig.“ Der kleine Dialog ist ein deutlicher Hinweis, dass die Zahl der Politischen sehr groß war. Jeder, der sich politisch betätigte und dabei nicht den Zielen der NSDAP diente, erhielt, wenn er angezeigt wurde, eine Verurteilung. Bis 1945 gab es beim hier zuständigen OLG Hamm über 15000 politische Urteile. Größtenteils war der Haftgrund: „Vorbereitung zum Hochverrat“. Hinter der Person Eggerath stehen zahlreiche Kommunisten, SPD-ler, Gewerkschaftler, die auch in Bochum inhaftiert waren. Nicht alle überlebten. Einige Bilder sind in der Ausstellung zu sehen. Aus dieser Gruppe finden sich zahlreiche Namen, jedoch eher wenige Bildportraits, so dass ich über jedes weitere Bild dankbar bin.

Pfarrer Josef Reuland - Oben

Für mich besonders bewegend ist das Schicksal Pfarrers Josef Reuland, der schon vor Eggerath von Münster nach Bochum verlegt worden war. (siehe nochmals Bild 14, Mitte). Er stammt aus meiner Heimat, dem Trierer Land. Er hatte am 29.3.1945 den Genickschuss überlebt. Nachdem ich von der Geschichte erfuhr, habe ich Ende 2013 sein Grab in Greimerath bei Trier besucht (Bilder 15+16). Auf dem Friedhof fragte ich eine ältere Dame nach dem Grabstein. Es stellte sich heraus, dass sie die Nichte von Josef Reuland war. Wir kamen ins Gespräch und ich erhielt von ihr 80 Schreibmaschinen geschriebene Seiten: Reulands nachträgliche Aufzeichnungen, detaillierte Erinnerungen über seine Verhaftung, den Prozess vor dem Volksgerichtshof Berlin unter Freisler persönlich, die Verurteilung und den Weg durch viele Strafanstalten des Reiches., auch über die Haftbedingungen und den Bombenkrieg in Bochum. Jedes Mal, wenn ein Wachtmeister an seine Zelle kam, musste Reuland stramm stehen und laut rufen: „Strafgefangener Reuland, wegen unwahrer Behauptungen gegen die NSDAP mit 7 Jahren Zuchthaus bestraft“. In seinen Aufzeichnungen wurden zum ersten Mal für mich die Personen lebendig, die Sie auf den Bildern sehen können. Neben den kriminellen Strafgefangenen tauchen dort plötzlich luxemburgische, tschechische, belgische, holländische, französische Inhaftierte auf und auch kommunistische Aktivisten wie der rote Baron des Ruhrgebietes (den ich namentlich noch nicht identifizieren konnte) und andere. Über ideologische Grenzen hinweg entstehen Freundschaften. Ergreifend etwa, wie ein Kommunist, der ins KZ nach Mauthausen verlegt wird, (unter den Gefangenen „Mordhausen“ genannt), ihm seine beste Decke gibt. Als der sterbende Reuland am 29.3.45 wieder in die Anstalt verlegt wird, sind es ein belgischer Professor und ein holländischer Arzt, zwei Mitgefangene(!), die ihn in den letzten zwei Wochen seiner Haft pflegen, bevor er von den Amerikanern ins Josefshospital verlegt wird. Hinter der Person des Priesters Reuland stehen viele weitere Priester, die in Bochum verstarben (fünf), oder in der Anschlusshaft ums Leben kamen, über zwanzig, aber auch viele christliche Laien und andere aus religiösen Gründen Verfolgte, wie etwa die Zeugen Jehovas.

Pierre Belen und die NN-Gefangenen - Oben

Auf Bild 17 sehen Sie rechts den Belgier Pierre Belen. Hinter ihm steht die größte Gruppe der politisch Verfolgten, die sog. „Nacht-und-Nebel-Gefangenen“ aus Belgien, Holland und Nordfrankreich. Es waren im Mai 1943 1143 Personen aus dieser Opfergruppe in Bochum und den 4 Außenkommandos (Quelle, Buch Nuit et brouillard, von Alfred Koniezny, Bild 19). Siehe auch Bild 20 mit dem Hinweis, dass im Mai 1945 über 1000 NN-Gefangene von Bochum und Essen allein nach Esterwegen kamen. Und Bild 21, Todesurkunde von Alfred Colette mit dem Geheimvermerk Abt. „NN“!! vom Standesamt Mitte. Nach der blitzartigen Besetzung der Benelux-Staaten im Mai 1940 zerschlug sich schnell die Hoffnung der Nationalsozialisten, dass diese Länder die NS-Ideologie übernehmen würden. Als der Vormarsch in Russland ins stocken kam, erhielt die Résistance im Westen noch mehr Aufwind. Die Zahl der Sabotage- und Spionageakte stieg. Antwort war der geheime Führererlass im Dezember 1941, den man bald Nacht-und-Nebel-Erlass nannte. Hitler wollte nicht durch zu viele Prozesse, gar Todesurteile in den Westländern Märtyrer produzieren. Der NN-Erlass besagt: Alle, die in Wort und Tat in Widerstandhandlungen verwickelt waren, sollten zur Verbreitung von Angst und Schrecken in die Zuchthäuser und Strafgefängnisse des Reiches deportiert werden und niemand sollte wissen wohin. Im Reich sollten sie von Sondergerichten verurteilt werden. Sie sollten nicht in KZs kommen, sondern vor Gerichte und in Gefängnisse des Reiches. So wurde Bochum eine Wartestation für NN-Gefangene, die etwa auf Urteile des Sondergerichtes Essen warteten.

Pierre Belen aus Brüssel kommt mit 26 Jahren im November 1942 nach Bochum. Zu dritt liegen sie im dritten Stock, Flügel A, Zelle 318. Sie schliefen auf dem Boden, jeder hatte eine Decke. Pierre ist oft hungrig. Er träumt einmal, wie er am Brüsseler Hauptbahnhof riesige Hackfleischpasteten verspeist. Sein Spannmann Désiré weckt ihn. Pierre ist 2 Tage sauer auf den Mitgefangenen. Am 6. Mai 1943 plötzlich ein lautes Schnurren in der Nacht. Viele Flugzeuge. Es regnet Brandbomben. Mit Dr. Pätzold war ich in Zelle A 318 und habe wie Pierre Belen auf einem Stuhl stehend (sie standen damals auf dem Tisch) aus dem Fenster geschaut. Pierre befürchtete, sie würden gebraten „comme des poulets á la broche“, „wie die Hühnchen am Spieß“. Doch die Mauern sind dick genug. Sie überleben. (Siehe Bilder 22+23: Pierre vor seiner Zelle in Saint-Gilles in Brüssel und sein Leidensweg, seine Odyssee durch über 20 Anstalten bis zum KZ Theresienstadt (Terezin)). 1980 kommt Belen nach fast 40 Jahren wieder hoch bewegt nach Bochum (Bild 24). Er sieht seine Haftanstalt wieder  und entdeckt – überraschenderweise – ein großes Fußballstadion in unmittelbarer Nähe.

Aktionen mit transportablen Stellwänden - Oben

Die Portraits der Politischen, die ich nach und nach sammelte und vergrößerte, waren nicht für diese Ausstellung gedacht. Gedacht waren sie ausschließlich für Aktionen auf der unteren Ebene, also um vor Gefangenen, vor Gemeindegruppen, vor Interessierten exemplarisch einige der Opfer zu zeigen und von der Geschichte des Strafvollzuges in Bochum in der Zeit der NS-Diktatur zu erzählen. (Siehe Bild 25 vor der Kunstkirche.) So hat es 2015 und 2016 etwa 20 Aktionen gegeben, in Wanne-Eickel, in Hattingen in Gelsenkirchen usw., an den Orten, aus denen Personen aus meiner Bilderreihe herkamen. Einmal waren die Bilder auch in Papenburg. Eine der wichtigsten Aktionen war die Vorstellung meiner Ergebnisse vor den Bediensteten der Bochumer Justizvollzugsanstalt, die ich dankenswerterweise mit Genehmigung der Anstaltsleitung bei einer Großen Dienstbesprechung durchführen durfte.

Als der Vorschlag des Stadtarchivs kam, die Bilder für eine Ausstellung ins Haus zu nehmen, hatte ich zunächst Bedenken. Reicht die Zahl, um einen großen Raum zu füllen? Reicht mein Theoriehintergrund als Laie im historischen Fach. Ich habe dennoch bald zugesagt. So kann das Thema der Politischen in Bochumer Haft bekannt werden. Es kann auch ein Anstoß sein, dass sich Fachleute weiter mit diesem Thema befassen. In allererster Linie ist es jedoch eine große Chance, die Widerständler, die „Politischen“, - ich sage nicht so gerne Opfer -, die mit ihrem Leben, mit ihrer Gesundheit, mit ihrer Lebenszeit für ihren Widerstand im Kleinen und im Großen bezahlt haben, öffentlich zu ehren

Ehren in Bochum - Oben

Ich muss präzisieren. Es geht um die Chance, sie hier in Bochum gemeinsam zu ehren!! An einem, für viele den Schicksalsort ihres Lebens! Hier gibt es für sie keine Gedenktafel, kein Erinnerungsportal auf der Stadt- oder Gefängnishomepage, über sie keinen Artikel, kein Buch, nichts, jedenfalls fast nichts.

Woanders sehr geehrt - Oben

Woanders schon. An den Orten, wo sie geboren sind, wo sie zuletzt gelebt haben, sind häufig Straßennamen nach ihnen benannt, Plätze, Gemeindhäuser, Schulen. (Bild 26, Regnier Elias Schule in Chaudefontaine, Belgien. Lehrer Elias starb in den letzten Kriegstagen in der Krümmede). Ihre Namen stehen auf Gedenktafeln, in Gedenkbüchern, in Internetgedenkbüchern. Es gibt Aufsätze über sie und Bücher. Einige, nicht wenige der Überlebenden, haben höhere und hohe Ämter erhalten nach Kriegsende, angefangen vom Bürgermeister bis hin zur Mitgliedschaft in Parlamenten in der BRD, in der DDR, in Frankreich, in den Niederlanden, in Belgien – siehe Portraits oben. In manchen Städten dr Benelux-Staaten gibt es immer noch jeweils eigene Gedenktage, an denen die Portraits an die Rathäuser gehängt werden und die Leute durch Reden, Nelken, Umzüge geehrt werden. Mindestens einer, Werner Eggerath, (mit hoher Wahrscheinlichkeit bei den NN-Gefangenen viele mehr), hat es auf eine Briefmarke geschafft (siehe DDR-Briefmarke auf Eggerath-Portrait). Also: Es geht darum, dass die Ehre, die sie verdient haben, ihnen h i e r am Ort zuteil wird. Dass sie hier in der für sie schicksalhaften Stadt einen Ehrenplatz bekommen, spät, aber noch nicht zu spät. Für die damaligen Opfer und für die angehörigen der Opfer waren Haft und Tod eine große Tragödie, ein Bruch in ihrer Lebensgeschichte. Die zu vergessen, zu verdrängen, gar bewusst zu verschweigen, heißt, die Last allein den betreffenden Personen und Familien zu überlassen. Das ist auch leider zu lange passiert.

Besuche von Opfern in Bochum - Oben

Gibt es denn die Opfer und Opferfamilien noch? Ende der 80er Jahre, liebe Damen und Herren, also schon fast 45 Jahre nach Kriegsende, kommt ein älterer Herr aus Holland nach Bochum. Es gelingt ihm, über die Anstaltsleitung der JVA Krümmede einen Termin zu bekommen. Einen Termin für eine private Gefängnisführung. Nur für ihn alleine. 45 Jahren vorher hat er nämlich als Nacht-und-Nebel-Gefangener aus den besetzten Niederlanden im damaligen Strafgefängnis  Bochum eingesessen. In den bitteren Kriegsjahren. Mindestens 117 seiner damaligen Mitgefangenen alleine aus Belgien, den Niederlanden, Nordfrankreich sind von 1942 bis 1945 in der Krümmede gestorben, nur im Hauptgebäude Krümmede 3, nicht in den Außenkommandos, nicht in Krankenhäusern, nicht in einem anderen Bochumer Gefängnis. Und zwar an den Haftfolgen. Die meisten an Lungentuberkulose. Auch einige (17) an Feindeinwirkung, sprich Bombenangriffen der Alliierten. Quellen und Genaueres später. Der Herr, damals ein junger Mann, hat überlebt. Jetzt erst, nach Jahrzehnten, hat er Mut gefasst. Vielleicht war es für ihn auch eine innere Notwendigkeit. Vielleicht musste es jetzt sein, weil die Erinnerung im Alter immer stärker wurde. Am Ende der Gefängnisführung ließ sich der Herr auf eigenen ausdrücklichen Wunsch noch einmal in eine Zelle einsperren. Der begleitende Vollzugsbeamte sollte dann laut rufen: „Entlassung!“ Und er hat laut mit seinem großen Schlüssel am Eisenschloss der dicken Holztüre, wie sie größtenteils heute noch immer in Dienst sind, geklopft. Und er hat laut gerufen: „Entlassung!“ So wurde der ältere Herr noch einmal entlassen. Nach 45 Jahren. Ein pensionierter Bediensteter des Hauses hat mir diese Geschichte erzählt. Der Name des Niederländers ist nicht mehr bekannt. Auch nicht der Grund der Verhaftung.

Anfang des letzten Jahres, liebe Damen und Herren, also genau 70 Jahre nach Kriegsende wendet sich eine holländische Dame an den VVN, Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Bund der Antifaschisten und Antifaschisten Bochum. Sie sucht nach Spuren ihres verstorbenen Vaters Hendricus Gerardus Lamers. Schließlich besuchten uns zwei seiner Töchter. Wir durften Ihnen das Gefängnis von innen zeigen. Auch die 80jährige jüngere Schwester des 1942/1943 hier Inhaftierten war mit dabei. Sie war damals neun, als Hendricus Gerardus mit 17 Jahren hier einsaß, weil er entwertete Buttermarken weiter verkauft hat. Verstoß gegen die Kriegswirtschaftsordnung, verurteilt durch das Deutsche Obergericht in Den Haag In der Familie wurde erzählt, Gerardus habe untergetauchte Personen unterstützt, was tatsächlich häufig vorkam (Bild 27: Familie Lamers privat bei uns). Hätte Hendricus Gerardus (geb. 1925) noch gelebt, dann wäre er 2015 90 Jahre alt gewesen. Man sieht daran, wie nahe die Zeit noch ist.

Décida brusquement de raconter sa guerre - Oben

« A quatrevingt ans mon père Jean Hoffmann décida brusquement de raconter sa guerre. 1939-45 », schreibt der Sohn des Belgiers Jean Hoffmann (Bild 28, franz. Text). Mit 80 entschied sich mein Vater Jean Hoffmann blitzartig, seine Kriegserinnerungen zu erzählen, aufzuschreiben. Hundert Seiten Erinnerungen folgen. Jean Hoffmann habe ich nicht in meine Portrait-Liste aufnehmen können, obwohl ich sehr viel über ihn und seine Bochumer Monate weiß. Es fand sich kein Foto. Mit Mitgefangenen spielte er von Zelle zu Zelle per Klopfzeichen Schach. Er erzählt von enormer Läuseplage. Er traf seinen ebenfalls verhafteten Vater im Lazarett des Strafgefängnisses, usw..

Auch von Louis Vandenbemden fand ich kein Foto. Der wartete nicht 50 Jahre mit seinen Notizen. Der schreibt bis Dezember 1945 sofort alles auf.: Wie etwa alle Belgier ein rotes Dreieck trugen mit einem “B“ drauf und „NN“ drunter (Bild 29: triangle rouge). Wie sie von oben bis unten vollständig rasiert wurden. Wie er über diese Maskerade lachte und sich sofort zwei Faustschläge eines Wachtmeisters mit dem Spitznamen Napoleon einfing. Wie im Dezember 1942 Himmler persönlich zu Besuch kommen sollte und die ganze Anstalt aufgeputzt war. Himmler sagte kurzfristig ab, Pech für die einen, Glück für die anderen, denn nun gab es bestes Essen mit Erbsensuppe, Kartoffeln und Fleisch. Nach den Bombenangriffen im Mai und Juni 1943 wurden Vandenbemden und viele weitere NN-Gefangenen verlegt etwa nach Hameln und nach Esterwegen.

Autos mit gelben und roten Nummernschildern - Oben

Noch heute Mittag hat der hier anwesende Belgier Jan Hertogen mit seiner Frau versucht, die Vollzugsanstalt Krümmede als Schicksalsort der Gefangenschaft und des Todes vieler Landsleute zu besuchen. Vergeblich. So spontan geht das natürlich nicht. Liebe Damen und Herren, wir müssen davon ausgehen, dass in den Nachkriegsjahrzehnten noch bis zum Ende des 20. Jahrhundert öfter Autos mit gelben und roten Nummernschildern aus Holland, Belgien und Frankreich, auch Deutsche, um die Anstalt herum gefahren sind. Um wenigstens von außen den Ort zu sehen, wo sie selber oder ihre Väter und andere Verwandte gesessen haben oder sogar ihre Angehörigen gestorben sind.

Aus anderen Strafgefängnissen des Reiches sind Freundeskreise aus den Beneluxländern bekannt, sog. Amicale, manchmal auch kleinste Freundeskreise, die sich gegenseitig in den letzten 70 Jahren bei der Erinnerungsbewältigung geholfen haben. Z.B. aus dem Strafgefangenenlager Esterwegen, aus dem Zuchthaus Hameln, aus dem Gefängnis Wuppertal-Benrath (wo ich beim diesjährigen Befreiungsfest Söhne, Töchter, Angehörige von Opfern getroffen habe, einer im Rollstuhl und mit belgischer Fahne), aus dem Strafgefängnis Wolfenbüttel. Dort z.B. wurde eine Reihe von Männern, die in Bochum auf ihr Urteil warteten, hingerichtet auf der Guillotine. Durch die dortige Erinnerungsarbeit der Amicale gelang es immerhin, über Jahre unter dem Vorsitz des hier portraitierten und auch in Bochum lange inhaftierten Georges Michotte, das Hinrichtungsgebäude mitten im weiterhin existierenden Gefängnis zu erhalten. Schon längere Zeit ist es eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die Opfer und auch den Justizterror des Nationalsozialismus. Zurzeit wird es für immerhin 5,14 Mio € durch die Niedersächsischen Gedenkstätten neu und umfassend hergerichtet als Ausstellungsgebäude und Mahnmal. Am Rande sei erwähnt, dass meine Stellwände etwa 250€ an Kopien und Material gekostet haben. Zudem sind sie transportabel und flexibel einsetzbar. Man kann auch mit wenigen Mitteln öffentlichkeitswirksam agieren. In Bochum jedenfalls hat es solche Freundeskreise nicht gegeben und auch keine Erinnerungskultur zum Strafvollzug in der NS-Zeit.

Die Haftgründe - Oben

Liebe Damen und Herren, die 60 Portraitierten stehen für Hunderte, die von 1933-1945 im Bochumer Strafvollzug saßen, nicht aus kriminellen Gründen, sondern aus politischen Gründen. Sie stehen auch für viele, die nie mehr ein Gesicht bekommen werden. Was haben sie gemacht? Warum waren sie inhaftiert?

Heinrich Heibrock, siehe Bild 31, stirbt am 17.8.1942 im Gefängnis Bochum. Sein Stolperstein in Bielefeld sagt, warum er einsaß. Wegen „Rundfunkverbrechen“, also Abhören von Feindsendern. Viele wurden verurteilt nach dem Heimtückegesetz (jegliche Kritik an Staats- und Parteipersönlichkeiten war verboten), andere wegen Wehrkraftzersetzung, Vorbereitung zum Hochverrat, verbotenem Umgang mit Fremdarbeitern, Juden, Kriegsgefangenen, Ablehnung des Hitlergrußes usw.

Auf der Liste des niederländischen Polizeigefängnisses mit dem Spitznamen Oranjehotel (Bild 32) in Scheveningen, einem Vorort von Den Haag, fand ich folgende Gründe: Verstecken von Untergetauchten, Spionage, Sabotage, Feindsenderabhören, Lebensmittelkarten an Juden gegeben, Hitlerkarikatur, Verbreiten illegaler Zeitungen, Beleidigung der Wehrmacht, Verstecken alliierter Piloten, holländische nationale Lieder gesungen, kommunistische Tendenzen, antideutsche Propaganda, verbotenes Schlachten Zugehörigkeit zu Zeugen Jehovas, Waffenbesitz, Waffenverstecken usw.

Beispiele von Politischen in Bochum - Oben

(Erwähnt wurden in der Ansprache u.a. Albert Decoussemaeker und seine Freunde aus De Panne Belgien, Robert Pruvot, Franzose, mit 23 Jahren in Dortmund enthauptet, Georges Michotte (Bild 40 mit Buch seiner Erinnerungen und Bild 39 mit der von ihm in Wolfenbüttel nach Befreiung der Anstalt gemalten Guillotine), Selbstportrait nach Spiegelbild im Gefängnisfenster Wolfenbüttel, wo er von den Russen befreit wurde, viele Seiten Bochumer Erinnerungen, Eugène Callewaert (Bild 33), Bürgermeister, und die 13 von Lichtervelde, Belgien, alle enthauptet in Wolfenbüttel, Abbé Pierre Carpentier (Bild 38), 1943 enthauptet in Dortmund, Hubertus Mol, erschossen im Krümmede-Außenlager Henrichshütte, Stolperstein in Welper, Karl Klauke (Bild 34), in Bochumer Haft, weil er einem Juden nicht die Wohnung kündigte, Heinz Junge (Bild 35), nach 8 Jahren in Gefängnissen und Lagern am Kriegsende ohnmächtig auf einem Leichenberg in Mauthausen gefunden etc.…. alles nachzulesen auf den Portraits oder in den Kurzbiographien der entsprechenden Ausstellungs-Internetseite) (www.getuigen.be/kruemmede/)

Die Wege der Gefangenen… - Oben

…hatten nicht selten 20 und mehr Stationen. Sie begannen etwa im französischen Lille oder im belgischen St. Gilles, Brüssel oder in Liège oder irgendwo im Deutschen Reich oder den besetzten Ländern und gingen dann durch viele Gefängnisse, Zuchthäuser, Gefangenenlager und Konzentrationslager des Reiches. Mit Herannahen der Fronten gegen Kriegsende von Osten und von Westen her gab es Deportationen in Richtung der Mitte des Reiches. Es gab große Massaker (etwa in Sonnenburg) und viele Kriegsendverbrechen. Auch die Hungermärsche und Todesmärsche forderten hohen Blutzoll.

Einige der in Bochum Inhaftierten haben genauestens alle Stationen aufgeschrieben. So auch Gustave Vandepitte, dessen Weg auch über Bochum und die Hattinger Henrichshütte verlief, dann über Hameln, Holzem nach Dreibergen. Siehe Bilder 36+37! Er konnte sich auf seinem Wege einen Mantel organisieren. Das war im Winter 1944-1945 überlebenswichtig. Dieser Mantel befindet sich im Museum Bützow. Dort findet sich auch eine Dokumentation zum politischen Missbrauch des Strafvollzuges. Ich werde sie in den nächsten Wochen besuchen.

Besondere Quelle: Sterbebücher des Standesamtes Mitte - Oben

In Ermangelung anderer Quellen wie Gefangenenakten etc. war ich neben der Internetrecherche wesentlich angewiesen auf das Durchblättern der Sterbebücher des Standesamtes Mitte (gelagert im Stadtarchiv Bochum) unter dem Stichwort Krümmede 3, der damaligen wie heutigen Adresse des Gefängnisses. Nicht gefunden werden konnten so die verstorbenen Gefangenen der vier Krümmede-Außenkommandos, nicht die derjenigen, die mit schwerster Krankheit noch in eines der vier großen Krankenhäuser der Stadt verlegt wurden (Sie sind unter der Krankenhausadresse eingetragen.) und nicht derer, die eventuell (Geheimvermerk?) nicht gemeldet wurden.

Aus der großen Fülle der Informationen, die einen neuen Vortrag benötigen würden, seien stichwortartig einige erwähnt:

-     Die Haupttodesursache war Lungentuberkulose.

-     Von 1941 bis April 1945 gab es 312 gemeldete Todesfälle in der Krümmede, 22 weitere allein am 4.Nov. 1944 in der ABC-Straße im Gerichtsgefängnis beim Luftangriff auf Bochum.

-     110 Tote wurden alleine im Jahr 1944 gemeldet aus der Krümmede.

-     Der jüngste war 17 Jahre alt.

-     Von 1942 bis 1945 waren darunter 117 verstorbene Belgier, Niederländer, Franzosen. Diese sind in ihren Heimatländern alle als politische Gefangene anerkannt und geehrt. Darum auch für mich.

-     Bei den deutschen verstorbenen Inhaftierten kann in der Regel kein Rückschluss gezogen werden auf den Haftgrund. Daher kann ich zunächst bei niemandem aus dieser Gruppe eine politische Verfolgung annehmen. Nur wenn aus anderer Quelle mir der Name als Politischer bekannt war, durfte ich ihn in meine Liste aufnehmen. Stolperstein etwa in Kassel für Heizer Wilhelm Pfromm, Kommunist, Vorbereitung zum Hochverrat, Heizer. Oder Johann Wasielewski, siehe Portraits. Oder Anton Spieker ebendort.

-     Von Josef Hammerschmidt, verstorben infolge Lungenriss im Gerichtsgefängnis, hatte ich Informationen aus der Chronik der Pfarrei Christkönig. Dort gehörte er zu der Gruppe der zehn verratenen Vinzenzkonferenzmitglieder. Es gibt jedoch keinen Stolperstein wie bei Pater Gandulf Korte oder Wilhelm Engel, es gibt auch sonst kein mir bekanntes Gedenken. Der Stadtinspektor Josef Hammerschmidt möge stehen für die große Zahl derer, die umgekommen sind, von denen jedoch der eigentliche (nämliche politische) Grund ihrer Inhaftierung nicht mehr bekannt ist.

-     Den ersten Geheimvermerk, NN-Vermerk, fand ich für Oktober 1942.

-     Die ersten Bombentoten gab es am 13. Juni 1943, gemeldet sind sechs, in Buchquellen (Koniecny) sind 15 (alles NN-Gefangene) angegeben, was wohl möglich ist, wenn etwa schwer Verletzte noch in die Krankenhäuser gebracht worden sein sollten, wo sie dann wohl verstorben sind. Die 12 Bombentoten bei der Evakuierung der Anstalt sind hier nicht eingetragen, nur in den Friedhofsbüchern. Wohl sind die 22 Toten des 4.11.44 aus der ABC-Straße in den alten Sterbebüchern Bochum-Mitte vermeldet.

-     Einige sagen, die an den Haftfolgen verstorbenen mindestens 334 Gefangenen, darunter mindestens ein Drittel Politische, seien „ermordet“ worden, so etwa der Stolperstein von Johann Wasielewski in Essen. Vorsichtiger sollte man ausdrücken, dass sie sekundäre Opfer waren, die hier nicht mit Absicht getötet wurden, deren Tod jedoch insbesondere durch die gravierenden Missstände in der Haft während der letzten Kriegsjahre billigend in Kauf genommen wurde.

Hinrichtungen - Oben

Jedoch nicht nur an den Haftfolgen sind kriminelle und politische Gefangene gestorben. Es gab auch viele primäre Opfer, die ein Todesurteil erhielten und hingerichtet wurden, meist per Guillotine. Viele Bochumer Politische warteten auf das Urteil des Sondergerichtes Essen, manche auch auf das Urteil des Sondergerichtes Dortmund. Hingerichtet, „terechtgestelt“ (niederländisch) wurden einige in Köln. Als Dortmund im dortigen Strafgefängnis Lübecker Hof eine eigene Guillotine bekam, wurden dort mindestens 305 Personen unter dem Fallbeil getötet, darunter viel „Bochumer“. In Bochum selbst wurde niemand hingerichtet, obwohl es von der Nichte eines belgischen Inhaftierten irrtümlich so behaupte wird. Die 13 von Lichtervelde, Belgien, warteten ein knappes halbes Jahr in Bochum und starben im Abstand weniger Minuten am 15.6.1944 im Strafgefängnis Wolfenbüttel. Auch in Brandenburg-Görden und an anderen Orten starben „Bochumer“ unter der Guillotine, siehe Portraits oben. Auch für diejenigen Politischen, die nach ihrer Strafhaft von der Gestapo in Schutzhaft genommen und dann meist in Konzentrationslager verbracht wurden, bedeutete dies oft den Gang in die beabsichtigte Vernichtung.

Hatte das Gefängnispersonal einen Entscheidungsspielraum? - Oben

Diese Frage stellt sich für die Gerichte und die dort wirkenden Richter und Staatsanwälte. Kriminologe Christian Pfeiffer hat die Antwort gegeben, dass nicht einfachhin auf der einen Seite die Gesetzesvorgaben der neuen Staatsführung standen, die die Juristen auf der anderen Seite zwingend hätten anwenden müssen. Nein, sie hätten große, sehr große Spielräume gehabt, die sie meist zum Schaden der Verurteilten genutzt hätten.

Die gleiche Antwort in Sachen Spielraum gilt wohl auch für die Strafanstaltsbediensteten. Vom Direktor über den Gefängnispfarrer bis hin zum letzten Hilfswachtmeister hatte jeder bestimmte Spielräume.

-     Vom Essener kath. Gefängnispfarrer wird berichtet, er habe bei den Gnadengesuchen der Inhaftierten, die er nicht antraf, geschrieben: keine befürwortenden Gründe gefunden.

-     Pfarrer Lammerding, 1940 in Bochum inhaftiert, sagt über die Bediensteten, sie hätten ihn äußerst korrekt behandelt.

-     Ein NN-Häftling sagt bei den Nürnberger Prozessen, ein Bochumer Pfortenbediensteter habe ihn mehrfach unbegründet schwer geschlagen.

-     Der NN-Gefangene Georges Michotte schreibt in seinen Erinnerungen, es seien 2 neu inhaftierte belgische Gefangene nach Bochum gekommen. Bedienstete hätten beim Hofgang unter dem Gelächter aller mit einem Stock ihre Soutanen gehoben, um zu schauen, was darunter ist.

-     Pfarrer Josef Reuland erzählt, er sei in Werl in der ersten Zeit seiner Haft gut behandelt worden.

-     In Bochum jedoch in den letzten Kriegsmonaten nicht mehr. Ein Bediensteter habe ihm Brot hingehalten und dem Hungrigen wieder weggezogen. Wenige Tage später sei derselbe Bedienstete auf dem Weg zur Arbeit von einer Bombe getötet worden.

-     Werner Eggerath erzählt, die Wachhabenden hätten in den letzten Kriegsmonaten die Gefangenen bei Bombenentschärfungen oft den ganzen Tag alleine gelassen.

-     Die Genickschüsse bei Reuland und Mol zeugen wiederum von Ausnutzen des Spielraums der Bediensteten in negativster Richtung.

Erinnerung muss weiter gehen - Oben

Der WAZ-Artikel, Bild 44, unter der Überschrift „Verdrängen, Vertuschen, Vergessen“ weist auf die öfter geführte Schlussstrichdebatte hin. Einen Schlussstrich darf es hier jedoch nicht geben (wo in Teilen noch nicht einmal eine Startschussdebatte geführt wurde). Was gewesen ist, muss anerkannt werden und anerkannt bleiben. Das Lernen aus der Geschichte darf nicht vernachlässigt werden.

So komme ich zum Schluss zu vier Vorschlägen:

  1. Beim Internetauftritt der Stadt Bochum sollte unter den Leidens-Wegen 1933-1945 neben den 38 exemplarischen Orten auch aufgenommen werden das ehemalige Strafgefängnis als Ort Nr. 39.

  2. Beim Internetauftritt der JVA Bochum sollte das Thema der politischen Opfer im Strafvollzug 1933-145 genannt und anerkannt werden.

  3. Die Kirchen mögen in ihr Fürbittgebet und in ihre Eucharistiefeiern an bestimmten Tagen einzelne Opfer oder alle Opfer, die aus politischen und auch religiösen Gründen im Gefängnis ihr Leben gelassen haben, mit hinein nehmen. Für Chrisjten sind die Personen in der Gemeinschaft der Heiligen anwesend und gegenwärtig. Der Vorbildcharakter, in Predigt und Katechese herauszustellen, kommt hinzu.

  4. Schließlich möge zum Gedenken an diese „Politischen“ und das Unrecht gegen sie eine Gedenktafel im Bereich der jetzigen Anstalt angebracht werden, dies jedoch nicht von oben herab durch Anordnung, sondern nur nach einer gewissen öffentlichen und ehrlichen Diskussion darüber. Solche Erinnerungstafeln gibt es schon im Bochumer Polizeigefängnis, wo damals Gestapogefangene litten, und auch etwa an der Dortmunder und der Wolfenbüttelner JVA, also an Orten damaliger Hinrichtungen. Es gibt in Bochum noch alte Mauerteile und alte Mauerreiter, Bild 47, die einer Aufstellung harren, vielleicht nach Bau der neuen Sozialtherapeutischen Anstalt im Bereich des Zugangs zum Anstaltskomplex. Dies könnte ein möglicher Ort für eine solche Gedenktafel sein. Denkbarer Zeitpunkt für ihre Anbringung könnte sein der 75. Jahrestag der Erinnerung an das Kriegsende, der 8. Mai 2020.

Vielen Dank für Ihr Interesse! Allen jetzt einen nachdenklichen Gang durch die Ausstellung!                                                              Oben

Alfons Zimmer
Pastoralreferent
JVAen Bochum, 16.6.2016